Schirpenbach: Grevenbroicher Pfarrer schreibt vielbeachteten Brief zur Kirchenkrise

Fragen an meine Kirche: Pfarrer Dr. Meik Schirpenbach aus Grevenbroich. Foto: TZ

Bundesweite Beachtung gefunden hat ein offener Brief zur Kirchenkrise, den Dr. Meik Schirpenbach formuliert hat. Der leitende Pfarrer des Sendungsraums Grevenbroich/Rommerskirchen berichtet darin, dass sich in seinen Gemeinden „Trauer, Scham, Wut und Resignation“ breit machen. Der Text im Wortlaut:

„Vor einem halben Jahr habe ich mich mit einigen „Fragen an meine Kirche“ zu Wort gemeldet, um die Perspektive eines Landpfarrers auf die Kirchenkrise ins Gespräch zu bringen. Die große Resonanz hat gezeigt, wie viele von uns diese Fragen bewegen, wie entsetzt wir über das sind, was sich zeigt und wie groß die Sorge um einen Fortbestand unserer Kirche ist. Sie ist uns nicht egal!

Seitdem haben sich die Fragen weiter zugespitzt und bohren in mir. Trauer, Scham, Wut und Resignation machen sich in unseren Gemeinden breit. Es herrscht der Eindruck, dass sich in der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals kaum etwas tut. Wie kann daraus Hoffnung wachsen?

Fragen entwickeln eine gestaltende Kraft, wenn wir sie zulassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Gott uns in der jetzigen Situation wachruft! So möchte ich diese Fragen als Fragen aus der Mitte der Kirche verstanden wissen, in verschiedene Richtungen gefragt, aber uns alle angehend.

1. Die Menschheit und die ganze Schöpfung leiden. Unsere Seelen sind verletzt und wir wandern durch manche Nacht. In diesem Sinne stehen wir als Kirche nicht „den Menschen“ gegenüber, sondern sind gemeinsam unterwegs, als Menschen.

 

2. Gegensätze verschärfen sich in Kirche, Gesellschaft und Welt. Die Klimakrise bedroht alle. Mit der Flutkatastrohe hat sie auch unsere Gegenden heimgesucht. Das ist eine weltgeschichtliche Situation, in der wir als Christinnen und Christen insofern besonders herausgefordert sind, als es eine zutiefst spirituelle Krise ist, die unsere Lebenshaltung anfragt. Unsere Kirche erlebe ich jedoch weiter als blockiert, in einem Zustand wachsender Selbstmarginalisierung. Warum sieht man in unserer spirituellen Überlieferung so wenig Gestaltungspotenzial? Dieses müsste doch gerade jetzt gewagt werden! Ein Menschheitserbe und eine Hoffnung stehen auf dem Spiel.

 

3. Uns als Kirche wird immer noch eine gesellschaftliche und globale Mitverantwortung zugetraut, die wir nicht zu übernehmen bereit sind. Das enttäuscht so viele! Warum entsteht immer noch der Eindruck, dass es uns vornehmlich um den Erhalt unserer selbst geht? Zugegebenermaßen vermitteln manchmal auch Gemeinden diesen Eindruck. Sind wir nicht von der Angst vor dem Tod befreit?

 

4. Es ist an erster Stelle der Missbrauchsskandal, der weltweit die moralische, aber auch die geistliche Glaubwürdigkeit unserer Kirche zerstört. Hat er sich nicht längst in ihre Strukturen und ihr Wesen hineingefressen? Haben wir zum Schutz der Institution nicht unsere eigenen Überzeugungen, ja unseren Glauben an Gott verraten, weil wir vertuscht haben, statt auf die Opfer und die Wahrheit zu schauen?

 

5. Gibt es im Missbrauchsskandal nur die Summe der Einzelfälle – oder offenbart sich da auch ein System, das an manchen Stellen schlichtweg verkehrt ist?

 

6. Wie, wenn nicht durch institutionelles Versagen, konnte es in solcher Breite dazu kommen, dass eine wesentliche Aufgabe der Kirche, der Kampf gegen das Böse und für Christus, der uns in den Opfern begegnet, ignoriert wurde zugunsten der Absicherung von Nebensächlichkeiten - wie dem Ansehen des Klerus? Musste das nicht scheitern, weil es in der Konsequenz gottlos war?

 

7. Haben wir mit den Vertuschungen nicht selbst dem Bösen einen Raum mitten in der Kirche eröffnet und damit eine nachhaltige Selbstentfremdung ausgelöst? Die Vertuschung geschah doch, weil wir zu wenig Glaubensmut hatten!

 

8. Haben wir in den Gemeinden bereitwillig Priester überhöht und mit Erwartungen konfrontiert, denen sie menschlich nicht gewachsen sein konnten?

 

9. Verwechseln wir als Amtsträger geistliche Autorität mit Macht, die wir meinten einfordern zu können? Hat uns eine Glaubens- und Vertrauensarmut auf diesen Irrweg geführt?

 

10. Hoffen wir alle insgeheim, dass der Skandal eines Tages einfach „vorbei“ sein wird, und alles wieder gut ist? Aber warum sollte es irgendwo einen institutionellen Teil der Kirche geben, der davon frei ist? Wir müssen uns der Tatsache annähern, dass nur die Wahrheit uns frei machen wird.

 

11. Haben wir möglicherweise den Ruf und den Erhalt eines ausschließlich zölibatären Klerus um jeden Preis an die erste Stelle, vor seelsorgerische Erfordernisse, ja vor das Evangelium gestellt? Warum wurde aus einem notwendigen Dienst ein privilegierter Stand, der eine Wagenburgmentalität entwickeln konnte? Warum haben wir eine Pervertierung des priesterlichen und seelsorgerlichen Dienstes durch die Täter zu- und laufengelassen?

 

12. Müssen wir Gott und Jesus Christus nicht konsequent auf der Seite der Opfer und Überlebenden des Missbrauchs suchen?

 

13. Wie konnte es dazu kommen, dass im Umgang mit den Opfern die Seelsorge und damit der genuine Auftrag der Kirche nicht an erster Stelle stand? Kann es sein, dass manche Entscheidungsträger in Bistumsleitungen zu weit weg von der alltäglichen Seelsorge sind?

 

14. Es braucht eine Aufarbeitung, die ganzheitlich ansetzt und fragt, was unter Umständen über die letzten Jahrhunderte hinweg in Verkündigung, Lehre und Leben sich in eine einseitige, ja ungesunde Richtung entwickelt hat? Dass solche Aufarbeitung auch für das Gottesvolk wesentlich ist, lehrt die Geschichte Israels im Alten Testament und mahnen die Schriften des Neuen Testaments. Es ist illusorisch, dass nach einem reinigenden Sturm alles wieder so wie „früher“ werden kann. Darf es ein solches „wie früher“ überhaupt geben?

 

15. Viele engagierte Seelsorgerinnen, Seelsorger und Ehrenamtliche fürchten, dass wertvolle Arbeit, die sie in den vergangenen Jahren in unseren Gemeinden geleistet haben, umsonst war. Wir wollen die sich abzeichnenden Zusammenbrüche nicht hinnehmen, sondern vertrauen auf Gott, der auf einer anderen Ebene zusammenhält und heilt. Nimmt man unsere Kämpfe und unser Ringen vor Ort überhaupt wahr?

 

16. Zählen unsere Erfahrungen bei Bistumsleitungen? Meint man, uns über den rechten Glauben und die richtige pastorale Praxis immer nur belehren zu müssen, einen Glauben, den wir hier existenziell in der heutigen Lebenswirklichkeit zu leben versuchen – und nicht in einem binnenkirchlichen Ghetto?

 

17. Soll unsere Kirche zu einer Sekte verkommen, indem sie sich auf die vermeintlich Reinen und Heiligen zurückbeschränkt?

 

18. Wir befinden uns in einer extremen missionarischen Situation, die von uns alle mögliche Flexibilität abverlangt und keine starren Strukturen mehr erträgt. Warum wird weiter wesentliches unserer Botschaft durch Randthemen verstellt, an denen sich aus verschiedenen Richtungen festgebissen wird?

 

19. Kann man die Kirchenaustrittswelle einfach als Ausdruck einer schicksalhaften Säkularisierung abtun? Ich bekomme immer wieder Rückmeldungen auf Kirchenaustritte: Viele sagen, dass sie sich weiterhin als Glaubende und Christen betrachten. Wer maßt sich an, darüber zu urteilen? Es treten tiefgläubige Menschen aus dem Kern unserer Gemeinden aus. Uns vor Ort bleiben sie verbunden.

 

20. Ich glaube, dass ein kirchenloses Christentum zu einer spirituellen Heimatlosigkeit führen wird. Wollen wir diese Menschen aufgeben? Wie können wir weiter gemeinsam als Christen

unterwegs bleiben, auch mit Ausgetretenen? Wollen wir den christlichen Glauben der Heimatlosigkeit überlassen?

 

21. Ist es manchen unserer Oberhirten einfach nur egal, dass die Herde auseinanderläuft? Wir gehen im Moment durch extrem steiniges Gelände – sollte da ein Hirte nicht alles versuchen, um die Herde zusammenzuhalten? Oder gibt es auf verschiedenen Seiten ein ernsthaftes Interesse daran, jetzt Menschen zu verlieren, das heißt weggehen zu lassen, die in das eigene Bild der Kirche nicht passen? In unserer Geschichte gibt es kein einziges Beispiel für ein Gesundschrumpfen, wohl aber für schuldhafte Selbstreduktion und Flucht vor Verantwortung.

 

22. Warum ist es uns nicht gelungen, bei den meisten Glaubenden ein christliches Selbstbewusstsein zu erzeugen, das weniger auf eine Kirchenleitung fixiert ist und sich nicht so einfach herausdrängen lässt? Warum wird von so vielen ein religiöses und kulturelles Erbe aufgegeben oder wo und wie könnte es weiterleben?

 

23. Wie gehen wir damit um, dass es für viele bei uns drängenden Reformfragen noch keinen weltkirchlichen Konsens gibt? Da gibt es tiefe kulturelle Unterschiede in der Weltkirche. Ich möchte weiter selbstbewusst „katholisch“ sein, denn eine weltweit geeinte Kirche ist ein absolut notwendiges Signal für die Menschheit. Ich möchte keine Kirche, in der nur Maßstäbe westlicher Kultur gelten.

 

24. Wir wollen katholisch bleiben – das heißt „für alle“: Wir müssen und wollen als katholische Kirche einen kulturellen Spagat aushalten, weil wir für die Menschheit ein Zeichen der Einheit in aller zerreißenden Gegensätzlichkeit sein möchten. Selbstverständlich heißt das auch, mit Menschen zusammen Kirche sein zu können, die unser westlich-liberales Verständnis nicht teilen können. In unseren multikulturellen Gemeinden tun wir das doch längst!

 

25. Es ist keinesfalls alles gut an unserer westlichen Lebensweise. Wir leben unseren Standard und unsere Mobilität auf Kosten eines Großteils der Menschheit und der Natur, und sind in weiten Bereichen nur mit unserem Wohlergehen beschäftigt. Das Anliegen von Papst Franziskus wird – auch in der Kirche selbst - kaum ernstgenommen. Hier stört eine unbequeme Kirche unseren Lifestyle.

 

26. Laufen wir nicht Gefahr, unser uns von Gott zugemutetes Katholischsein zu verlieren, wenn wir diese Spannungen nicht mehr aushalten wollen? Katholisch heißt auch, an Gräben und Grenzen auszuharren und nicht aufzugeben, Brücken zu bauen. Kirche muss immer auch ein Stück weltfremd sein, denn in der Welt so wie sie jetzt ist, kann man sich nicht ganz zuhause fühlen.

 

27. Ist das aber ein Grund, Reformanliegen zu relativieren? Müssen wir nicht lernen, Gegensätze und Spannungen auszuhalten, anstatt sie um jeden Preis aufzulösen oder durch Ausgrenzung aufzuheben? Könnte das nicht bedeuten, dass es in der einen Kirche in verschiedenen Ländern oder Weltgegenden verschiedene Praktiken im Hinblick auf Reformthemen geben kann? Unser Landsmann Nikolaus Cusanus prägte schon im 15. Jahrhundert den Gedanken, dass nur in Gott die Gegensätze in eins fallen. Cusanus geht es dabei nicht um Beliebigkeit, sondern um etwas wirklich Tragendes, das unsere Vordergründige Rationalität übersteigt.

 

28. Das hat auch eine zeitliche Dimension: vieles wird sich nach christlicher Hoffnung erst am Ende der Zeiten klären. Bis dahin müssen wir innerhalb der Kirche mit verschiedenen Wegen leben lernen. Können wir lernen, dass Einheit nicht Einheitlichkeit bedeuten muss?

 

29. Die Einheit der Kirche erfahren wir faktisch nicht zuerst in Lehre und Disziplin. Da machen wir uns etwas vor. Einheit erfahren wir im Gebet, besonders in der schweigenden Betrachtung.

Glauben wir an diese Kraft des Geistes und dass sie sich einend auswirken wird trotz allem Dissens?

 

30. Geht es bei den Reformthemen, die immer wieder angesprochen werden, nur um Zugeständnisse an einen Zeitgeist? Ist es nur „Zeitgeist“, dass Frauen gleichberechtigt sind? Sollte sich das wieder ändern dürfen? Hier geht es um Anliegen, die die menschliche Entwicklung betreffen. Zeitgeist ist nicht per se relativ, sondern eine Herausforderung.

 

31. Warum wird Kirche fast nur noch mit ihrer Vergangenheit und Geschichte identifiziert? Das Geheimnis Jesu Christi ist so reich, dass keine äußere Form der Kirche es einholen kann. Es geht nicht darum, eine einmal gefundene Form zu bewahren, weil Christus nicht in der Vergangenheit ruht. Tradition meint auch ein Empfangen aus der Zukunft, in die der Herr uns lockt. Er geht uns voraus. Insofern fallen in der Kirche eine konservative und eine progressive Haltung in eins. Christus ist unser Zeitgenosse, aber er ist schon weiter als wir.

 

32. Der Weg des Christentums ist kein Blick zurück in eine vermeintlich ideale urchristliche Zeit, sondern der Auferstandene geht uns voraus in eine Zukunft, die er uns und der ganzen Welt erschließen will. Die Frage ist, wohin er uns in der heutigen Situation drängt?

 

33. Haben wir in der Vergangenheit die Verkündigung vereinseitigt? Trat Moral allzu lange vor Spiritualität? Es ist illusorisch, einen moralischen Idealzustand als den Normalfall zu fordern. Leben ist immer Leben im Widerspruch und wird es bleiben. In einer destruktiven Situation müssen wir uns stärker als je zuvor fragen, was der aufbauende Teil unserer Botschaft ist. „Mit Nahrung und mit Freude erfüllte Gott euer Herz“ bringt es Paulus auf den Punkt. (Apg 14,17)

 

34. Müssen wir jetzt nicht mit einer weitaus größeren Demut auftreten, die es nicht mehr wagt, Menschen moralische Vorschriften zu machen, die auch in Kirchenleitung und Klerus nicht eingehalten werden können? Haben wir durch unser Verhalten die gesamte Sexualmoral selbst ad absurdum geführt und positive Autorität verspielt? Ist da ein System konstruiert worden, innerhalb dessen kaum jemand je leben konnte? Manche Tugend war und ist heiliger Schein. Das Christentum ist kein System aus Vorschriften und Regeln, sondern will eine Kraftquelle erschließen, aus der heraus der Mensch verantwortlich und innerlich frei handeln kann.

 

35. Wir werden mit unseren eigenen moralischen Maßstäben gemessen. Jemand sprach davon, dass jetzt eine gnadenlose Gesellschaft auf der Kirche herumhacke. Passiert das nicht deshalb, weil wir selbst als gnadenlos wahrgenommen werden, etwa im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen? Wird hier wider besseres Wissen eine theologische Lösung vermieden, obwohl die Ostkirche sie in altchristlicher Tradition kennt (Prinzip der Oikonomia)?

 

36. Wahrheit hat nicht nur eine theoretische Dimension („so ist es richtig und so nicht“), sondern auch eine praktische: Die praktische Dimension ist die Liebe. Die kann man nicht erzwingen, aber wecken. Am intensivsten gelingt das im betrachtenden Gebet. Darin spürt man, was verbindet. Wollen wir das intensivieren?

 

37. Ist Kirche etwas statisches, das einmal seine feste Form gefunden hat? Oder ist Gott ein Gott der Geschichte, der uns immer wieder um Aufbruch über uns selbst und unsere Ängste hinaus herausfordert? Glaube fürchtet keinen Tod, auch nicht das Absterben mancher äußerer Formen. Das Mysterium von Tod und Auferstehung betrifft auch den konkreten Weg

der Kirche durch die Geschichte. Aber eine Auferstehung ist nie die Wiederherstellung des Lebens vor dem Tod.

 

38. Kirche ist von ihrem Wesen her ein pilgerndes Gottesvolk. Sie kann damit nie zu einer vollkommenen Ordnung finden oder eine allen Ansprüchen genügende Idealkirche sein. Auf einer Wallfahrt muss jeder versuchen, den anderen mitzunehmen und das Wesentliche zu teilen. Wie von Taizé angestoßen gibt es keine Alternative zu einem Pilgerweg des Vertrauens

 

39. Wo ist der Optimismus eines Apostels Paulus, der staunen konnte, wie Gottes Geist unerwartet am Werk ist? Wir wären hier und heute nicht Christen, wenn die frühe Kirche nicht die Heidenmission gewagt und bis dahin Überliefertes für zweitrangig erklärt hätte. Wir befinden uns hier und heute genauso in einer missionarischen Situation, in der es keine feste und alles regelnde Struktur geben kann. Denken wir an die große Flexibilität der iroschottischen und angelsächsischen Mission bei uns in ihrer Kooperation mit der fränkischen Kirche.

 

40. Ein rumänischer orthodoxer Mönch fasst das Wesen der Kirche mit Liebe und Freiheit zusammen. Mit wieviel überflüssigem Ballast ist dieser einfache Kern verstellt?

 

41. Gott wirkt in und jenseits der sichtbaren Kirche. Ist nicht der Aufbruch hin zur Bewahrung des Planeten, wie er in der Bewegung Fridays for Future greifbar wird ein Wirken des Geistes? Wir spüren doch eine Dynamik, in welche Richtung es für alle geht. Wir müssen aus unserem ungehobenen Schatz unsere ökologische Spiritualität einbringen.

 

42. Warum bin ich Katholik? Nicht wegen eines Papstes oder Bischofs, wie Außenstehende vermuten mögen, sondern weil ich in dieser Gemeinschaft den Geist und die Lehre Jesu Christi weitergeschenkt bekommen habe und das auch weiter tun will. Die katholische Kirche ist meine spirituelle Heimat. Dafür spielen Amtsträger und andere Personen eine zweitrangige Rolle.

 

43. Manche fragen mich: „Warum bleibst du dabei und unterstützt du ein System, das Missbrauch vertuscht hat, das Frauen diskriminiert und Menschen klein hält?“ Ja, für diese Dinge schäme ich mich. Dennoch: Ich bin nicht Priester geworden aus Liebe zu einem System, sondern weil ich mich durch Jesus Christus gerufen und vom Evangelium angesteckt fühlte. Kirche steht für mich für dieses Erbe. Ich möchte auch nicht in eine „andere“ Kirche übertreten, weil es nur eine einzige katholische (d. h. „allgemeine“) Kirche gibt und die konkreten Kirchen um Jesu und der Menschheit willen ihre Spaltungen überwinden müssen. Wir sind auf dem Weg zur Einheit in der Ökumene.

 

44. Braucht nicht gerade der für die Menschheit und den Weltfrieden so wichtige interreligiöse Dialog – insbesondere mit unseren muslimischen Geschwistern - eine kräftige Stimme der christlichen Kirche? Das kann säkular nicht geleistet werden. Hier gibt es große Hoffnungszeichen aus anderen Ländern, zum Beispiel aus dem Irak.

 

45. Was meint man überhaupt, wenn man von „der Kirche“ spricht? Warum wird Kirche immer wieder auf Kirchenleitung reduziert? Von einer gut recherchierenden Presse erwarte ich eine differenzierte Darstellung und keine pauschalisierenden Vereinfachungen über „die Kirche“. Sonst entsteht der Eindruck, dass an manchen Stellen bewusst eine Stimmung erzeugt wird, die eine Eigendynamik entwickelt und letztlich bestehende Strukturen zementiert. Auch die Reformkräfte sind „die Kirche“ und jede Christin und jeder Christ vor Ort. Wird das öffentlich wahrgenommen?

 

46. Kann es sein, dass das Bischofsamt in den letzten drei Jahrhunderten mit Kompetenzen und Erwartungen überladen wurde, die in dieser Komplexität von keinem Menschen mehr ausgefüllt werden können – auch was seine permanente mediale Präsenz angeht? Die Geschichte zeigt, dass diese Lasten auch geteilt werden können! Das muss ich auch als Pfarrer lernen.

 

47. Der Missbrauchsskandal erschüttert die Kirche in ihrer Substanz. Braucht es deshalb jetzt nicht ein starkes substanzielles Zeichen, dass den Willen zu einer Erneuerung glaubhaft deutlich macht? Wir wäre es, wenn wir in weltkirchlicher Weite die Erfahrungen der orthodoxen Kirchen aufgreifen und auch verheiratete Männer zu Priestern weihen sowie Menschen, deren Ehe gescheitert ist, um ihres Heiles willen eine kirchliche Wiederheirat ermöglichen? Beide Praktiken sind tief in der kirchlichen Tradition verwurzelt. Diese Schritte wären einfach, sofort umsetzbar und von tiefer Bewegkraft und Symbolhaftigkeit. Würde nicht beides eine gewaltige geistliche und pastorale Entkrampfung mit sich bringen, die schon einmal aufatmen ließe? Würde dies nicht die auseinanderdriftenden Kräfte wieder in eine gemeinsame Richtung lenken?

 

48. Kann es für die Kirche überhaupt eine Zukunft geben außer der, eine in jeder Hinsicht dienende Seelsorge-Kirche zu sein – ohne Anspruchshaltungen? Als eine solche bleibt sie not-wendig in unserer Zeit!“