„Mit Kindern über Demenz reden“: Medienkoffer im Neusser Memory-Zentrum

Arbeiten mit dem Medienkoffer: Manfred Steiner, Hannelore Feckler und Tim.

Der fünfjährige Tim findet seinen Opa toll, der benutzt nämlich Schimpfwörter, die Tim selbst nicht sagen darf. Außerdem versteckt sich Opa immer hinter der Hecke im Garten, wenn er mal muss, erzählt Tim. Sein Großvater ist 80 Jahre alt und lebt seit über zehn Jahren mit Demenz. Tim, der mit seinen Eltern und den Großeltern gemeinsam in einem Haus lebt, kennt seinen Opa also gar nicht ohne die neurokognitiven Einschränkungen. „Die meisten kleineren Kinder stören sich nicht an der Demenz, sie nehmen den Menschen so, wie er ist“, weiß Manfred Steiner, Diplom-Sozialpädagoge im Neusser Memory-Zentrum, einer Einrichtung der katholischen St.-Augustinus-Gruppe.

„Manchmal muss man Kindern und besonders Jugendlichen, die als Angehörige betroffen sind, aber schon erklären, warum sich Oma, Opa oder ein Elternteil so verändern. Für Jugendliche bricht ganz viel weg, wenn ein Elternteil früh an Demenz erkrankt, und dann gilt es sensibel und altersgerecht die richtigen Worte zu finden“, so Steiner.

Um sich auf solche Gespräche vorzubereiten, gibt es neben der Beratung durch Experten spezielle Arbeitsmaterialien. Zuletzt hat das Memory-Zentrum diese Materialien in einem Medienkoffer zusammengestellt, der für vier Wochen das Beratungsangebot vor Ort unterstützt. Mit dem Koffer voller Handpuppen, Stofftiere und Bücher mit Titeln wie „Oma isst Zement“ oder „Kuddelmuddel in Opas Kopf“ sollen Erzieher, Eltern und Großeltern geschult werden im Umgang mit Kindern und der Demenz.

„Bei steigender Zahl von Menschen, die vom Vergessen betroffen sind, wird es immer wichtiger die Angehörigen stark zu machen und zu begleiten – und natürlich vor allem die Kinder,“ sagt Manfred Steiner. Auch Tims Großmutter Hannelore Feckler hat sich im Memory Zentrum dazu beraten lassen, wie sie mit Tim über die Demenz seines Opas sprechen soll. „Mein Mann hat unseren Kindern früher oft auf der Gitarre vorgespielt und dazu gesungen und viel mit ihnen gespielt. Er war Lehrer und immer von Kindern umgeben. Jetzt, mit seinen Enkelkindern, ist das ganz anders: Er wird oft unruhig, wenn sie laut sind, Gitarre spielen und singen kann er gar nicht mehr, die Enkelkinder kennen ihn praktisch kaum. Das ist schwer für uns, und ich möchte Tim schon erklären, dass Opa nicht viel spricht und nicht mit ihm spielen will, weil er krank ist“, erklärt Hannelore Feckler. „Dazu habe ich mir anhand der Bücherliste des Medienkoffers Literatur ausgesucht und bestellt, mit der ich mit Tim jetzt arbeiten kann.“

Das Memory-Zentrum berät zu allen Fragen rund um das Thema Älterwerden und Demenz, auch zum Thema „Mit Kindern über Demenz reden“. Bis Ende Oktober steht dafür jetzt der Medienkoffer zur Verfügung. „Der Koffer ist für Erwachsene, nicht für Kinder. Mit ihm können wir Erwachsene im Umgang mit Kindern und Demenz schulen, Anreize setzen und Material vorstellen, das dann für zu Hause bestellt werden kann“, sagt Manfred Steiner. Man freue sich aber auch, wenn Kinder ins Memory-Zentrum kämen. Dann probiere man die Bücher direkt vor Ort aus.